(Gegenwind 217, Oktober 2006)

Nach der Abschiebung:

Alltag in Armenien. Teil III

Seit dem 1. Juli 2005 macht Sona Shirvanyan ein Praktikum beim Gegenwind. Als sie mit dem Praktikum begann, hatte sie bereits keine Aufenthaltserlaubnis mehr. Am 5. August 2005 wurde sie verhaftet und am 9. August nach Armenien abgeschoben, seitdem macht sie ihr Praktikum durch regelmäßige Kontakte per Internet und Telefon. Im Gegenwind 204 (September 2005) beschrieb sie Festnahme, Abschiebehaft und Abschiebung. Im Gegenwind 207/Gegenwind 208 (Dezember/Januar) beschrieb sie den Alltag in Armenien. Heute setzt sie diese Beschreibung fort. (Red.)

Der 22. August 2006 war ein schöner Tag für mich. Ich hatte auf diesen Tag ein Jahr gewartet. Mein Freund Leif aus Flensburg sollte in der Nacht zum 23. um 4:10 Uhr auf dem Flughafen Eriwan landen und ich sollte ihn abholen. Viele Nächte hatte ich davon geträumt und zwischendurch habe ich nicht mehr geglaubt, dass es noch passiert. Eigentlich wollte ich schon gleich nach der Abschiebung, dass er mich besucht, spätestens Weihnachten. Oft war ich böse auf ihn, weil er immer Gründe hatte, dass es nicht klappte. Er sagt immer, ich sei ein Hitzkopf. Und da hat er auch ein bisschen Recht, sagen viele von meinen Freundinnen und Freunde. Er sagte immer, dass er nicht einfach so ein Ticket kaufen und 3 bis 4 Wochen "abhauen" könne. Er verlangte von mir, das zu verstehen, aber das konnte ich mit meinem Temperament überhaupt nicht. Jetzt hatte er endlich einen billigen Flug von Hamburg über Prag nach Eriwan gefunden, und auch mit seinem Studium passte es.

Leif Döring

Kennen gelernt haben wir uns im Frühsommer 2004 bei einer kleinen Feier in seiner Wohnung in Flensburg. Eine Freundin aus meinem Deutschkurs an der Volkshochschule hatte mich dahin mitgenommen. An diesem Abend hatten wir eigentlich gar nicht miteinander gesprochen. Aber auf diese Weise trafen wir in Zukunft öfter aufeinander. Näher kamen wir uns erst zum Ende des Jahres. Er hatte sich von der Freundin die Handynummer geben lassen und so kamen wir in engeren Kontakt. Zuerst war ich sehr böse auf meine Freundin, dass sie meine Nummer weitergegeben hatte. Heute bin ich ihr dankbar dafür.

Damals hatte ich viele Probleme. Mein Asylantrag war abgelehnt worden. Ich war zwar mit meinen Eltern hier, war aber gerade über 18 Jahre und sollte deshalb auch alleine abgeschoben werden. Ich wusste nicht, wie es mit mir in Deutschland weitergeht, wie lange ich noch da war und vieles mehr. Von alledem habe ich ihm nichts erzählt. Ich hatte Angst dass er dann mit mir nichts mehr zu tun haben will. Auch von meiner geplanten Hochzeit mit Nico sagte ich nichts. Den hatte ich durch meinen Vater kennen gelernt, und alle sagten mir, dass ich schnell heiraten sollte, das wäre die einzige Chance in Deutschland zu bleiben. Ich kannte Leif einfach nicht gut genug und hatte nicht genug Vertrauen um zu wissen wie er reagiert. Aber ich merkte, dass er für mich etwas Besonderes war, und das wollte ich nicht riskieren zu verlieren.

Wenn ich heute an die Zeit zurück denke, verstehe ich vieles nicht. Im nachhinein bin ich sehr froh dass aus dieser Hochzeit nichts wurde, aber wieso ich das damals fast gemacht hätte kann ich heute nicht mehr verstehen. Ich muss sehr verzweifelt gewesen sein. Erst danach, so im März oder April 2005 fing ich an, Leif zu erzählen, welche Probleme ich eigentlich hatte. Ich erzählte nicht alles auf einmal, sondern immer wieder ein bisschen mehr. Wir waren jetzt bereits fast ein halbes Jahr zusammen, und trotzdem war ich mir nicht sicher wie er reagieren würde, wenn ich ihm sage, dass ich wahrscheinlich nicht in Deutschland bleiben kann und dass ich fast verheiratet gewesen wäre. Er wurde ein bisschen böse und war enttäuscht, aber nicht wegen der Situation, sondern nur weil ich es ihm nicht früher gesagt hatte. Er versprach mir mich bei allem zu unterstützen und zu helfen, egal was passiert, und ich versprach ihm ab sofort über alles Bescheid zu sagen. Von da an wusste ich, dass ich ihm 100 Prozent vertrauen konnte.

Es war eine wunderschöne Zeit, trotz aller Ängste und Sorgen. Leif ist 24 Jahre alt und studiert an der FH-Flensburg Technische Informatik im 7. Semester. Er ist auch in Flensburg aufgewachsen und hat sein Abitur auf einer dänischen Schule absolviert (Duborg). Ich lernte seine Mutter und Bruder kennen (seine Eltern leben getrennt) und auch die Großeltern. Viele seiner Freunde wurden auch meine. Alle waren unglaublich nett zu mir und ich fühlte mich sehr wohl. Seinen Vater, der von der Mutter getrennt lebt, sollte ich zu seinem 50. Geburtstag kennen lernen, dem 5. August 2005. Genau an dem Tag wurde ich verhaftet und drei Tage später abgeschoben. Das muss also noch etwas warten. Meinen Eltern habe ich leider damals nichts von ihm erzählt, denn sie machten sich schon viele Sorgen um mich, weil ich illegal hier lebte, und ich dachte, mehr können sie nicht aushalten. Deshalb versuchte unser Rechtsanwalt auch weiter, die Erlaubnis zur Heirat mit Nico zu bekommen, weil ich nicht darüber reden wollte. Ich war damals sehr jung und musste schnell entscheiden, ohne dass ich mir vorher über meine Gefühle klar werden konnte. Heute weiß auch meine Familie über uns Bescheid, und sie unterstützt uns auch, worüber ich mich sehr freue. Erst nach der Abschiebung habe ich von Armenien aus versucht, das Verfahren bei den Behörden und dem Gericht zu stoppen, was sehr kompliziert war und auch noch ein paar Monate dauerte.

Nach der Abschiebung hatten Leif und ich Kontakt über viele Emails, Chats und hin und wieder sehr teure Anrufe. Ich befürchtete, dass er sich jetzt vielleicht doch von mir trennen will, weil wir so weit weg von einander wohnen, aber er sagte, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsse. Jetzt, wo er mich endlich besucht hat, bin ich mir sicher, dass es stimmt.

Endlich da

Pünktlich um 3 Uhr stand ich also am Flughafen Eriwan. Ich war über eine Stunde früh, aber zu Hause konnte ich nicht mehr ruhig sitzen. Meine Schwester Tina und mein Schwager mit noch einem Freund waren mitgekommen. Und dort habe ich eine Stunde meine Schwester genervt, bis es endlich 4 Uhr war. Es standen viele Menschen an dem Ausgang und warteten auf Familie und Freunde, so dass ich fast nichts sehen konnte. Ich war sehr nervös.

Das Flugzeug landete pünktlich, was mich etwas überraschte, denn sonst ist in Armenien fast nichts pünktlich. Jetzt musste er jeden Moment kommen, dachte ich. Aber es dauerte unendlich lange. In Wahrheit war es nur eine Stunde, aber da viele Menschen schon raus gekommen waren, wurde ich noch nervöser. Dass es alles Armenier waren, die nicht noch ein Visum holen mussten und deshalb schneller waren, fiel mir in dem Moment nicht ein. Ich erinnere ich nicht mehr, wie viele Menschen ich gefragt habe, ob das Flugzeug aus Prag gelandet ist. Um kurz nach 5 Uhr kam dann plötzlich ein Nicht-Armenier aus der Tür. Meine Schwester machte mich darauf aufmerksam, und tatsächlich: Er war da! Ich lief schnell zu ihm, wir fielen uns in die Arme und es flossen Tränen, ich habe ganz stark gezittert. Wir wollten uns gar nicht mehr loslassen, als ich schließlich doch bemerkte, dass meine Schwester und die anderen neben uns standen und warteten, vorgestellt zu werden.

Das tat ich dann auch. Leider spricht nur meine Schwester ein wenig deutsch, so dass ich immer als Dolmetscherin helfen muss. Nach der freundlichen Begrüßung fuhren wir schnell nach Hause, denn es war schon nach 6 Uhr.

Sona und Leif am Wasserfall im Kurort Jermuk

Urlaub in meiner Heimat

Jetzt verbringen wir eine gute Zeit hier in Armenien. Ich versuche ihm so viel wie möglich von meinem Land zu zeigen. Mit meinen Verwandten und Freunden versteht er sich, bis auf die Sprache, sehr gut und das gefällt mir. Wir sind sehr glücklich und freuen uns über jeden Moment. Gleichzeitig sind wir traurig weil wir wissen dass es nur eine endliche Zeit ist, und wir uns sicher ein halbes oder ganzes Jahr nicht sehen werden. Schon am 16. September fliegt er zurück nach Deutschland - ohne mich.

Wir haben bis jetzt Jermuk besucht, das ist ein berühmter Kurort, bekannt für sein sehr gesundes Wasser aus einer natürlichen Quelle und auch seine Wasserfälle. Dort in der Nähe haben wir auch eine alte Kirche aus dem 13. Jahrhundert auf einem Berg angesehen. Ansonsten haben wir noch viele Sehenswürdigkeiten in Eriwan angesehen und davon gibt es mehr als genug, und auch Museen haben wir besucht.

Sona und Leif vor der "Gregor Lusavoritsch Kirche", die im Jahre 2001 gebaut wurde, um die 1700-jährige christliche Geschichte Armeniens zu ehren.

Meine neue Wohnung

Seit meinem letzten Artikel im Gegenwind ist schon eine Menge Zeit vergangen. Das liegt daran, dass ich in der Zeit umgezogen, Abitur und Uni-Aufnahmeprüfungen gemacht habe und dazu viel lernen musste.

Seit Dezember 2005 habe ich eine Wohnung, in der ich alleine wohne. Es ist eine schöne 2-Zimmer-Wohnung im 4. Stock eines Hochhauses. Es gibt ein großes Schlafzimmer und ein großes Wohnzimmer, welches nur durch einen Tresen von der Küche getrennt ist. Das Badezimmer mit Duschkabine ist relativ neu renoviert worden mit Fliesen. Einen kleinen Balkon habe ich auch, wo ich aber hauptsächlich Wäsche trockne. Ansonsten ist die Wohnung in einem guten Zustand. Es gibt fast immer warmes Wasser durch den Boiler, und einen Internet-Anschluss habe ich auch, was in Armenien ungewöhnlich ist in privaten Wohnungen, weil es sehr teuer ist. Da aber mein Schwager ein Internetcafé betreibt, hat er mir das sehr billig besorgen können.

Probleme macht hin und wieder der Wassertank, der überläuft. Dann beschweren sich die Nachbarn. Der Hausmeister hat schon ein paar Mal versucht, ihn zu reparieren, aber bis jetzt passiert es immer wieder.

Die Nachbarn sind mein größtes Problem hier. Nicht die, die direkt neben mir wohnen, sondern aus meinem Haus und den neben Häusern insgesamt. Sie verstehen nicht, wieso ich alleine hier wohne, jung und unverheiratet, und wieso ich oft erst um 23 oder 0 Uhr nach Hause komme. Ich gehe oft nach dem Unterricht erst mal zu meiner Schwester, weil sie in der Nähe der Lehrerin wohnt, und komme deshalb oft spät erst nach Hause. Aber die Nachbarjungen quatschen viel, und so entstehen viele Gerüchte. Einmal kam mein Schwager und hat denen gesagt, sie sollen nichts Schlechtes über mich sagen, und es gab einen großen Streit. Seitdem rufen sie mir nicht mehr nach, aber ich merke, dass sie hinter meinem Rücken weiter über mich reden. Ich glaube sie hassen mich jetzt.

Weil meine Vermieter, ein Ehepaar, in der Zwischenzeit ein Kind bekommen haben, wollten sie die Wohnung schon zurück haben. Ich habe sie gebeten, noch ein bisschen zu warten, bis ich eine andere gefunden habe. Bis Dezember muss ich ausziehen. Ich suche jetzt mit meiner Freundin Esther eine neue Wohnung und hoffe, dass wir schon im Oktober da wohnen können. Ich freue mich auch, nicht mehr alleine zu wohnen, und dann hat sich auch das Problem mit meinen Nachbarn erledigt.

Abitur und Studium

Wie ich schon sagte, musste ich im Frühjahr viel lernen. Ich nahm weiter Privatunterricht, stand jeden Tag um 6:30 Uhr auf, hatte Unterricht von 8 Uhr oft bis 15 oder 16 Uhr nachmittags, ging dann zu Tina oder musste im Internet-Café helfen. Abends kam ich nach Hause und hab dann mit Reinhard, meinem Bruder, Leif und noch anderen übers Internet gesprochen. Meistens saß ich bis weit nach Mitternacht, 2 oder 3 Uhr (in Deutschland ist es dann erst Mitternacht) vor dem Computer, stellte dann den Wecker wieder auf 6:30 Uhr. Eigentlich wollte ich im Gegenwind gerne mein Land, Armenien, vorstellen, aber ich habe es immer wieder verschoben.

Im Mai und Juni standen dann die Abitur-Prüfungen an. Ich sollte in 14 Fächern geprüft werden. Damals hatte ich wegen der Flucht meiner Eltern das Gymnasium nicht beenden können, sonst hätte ich nur 7 Prüfungen gehabt. Je näher die Prüfungen kamen, desto nervöser wurde ich. Aber letztendlich habe ich die meisten Fächer gut und einige andere ein bisschen schlechter geschafft. Ich machte also meine Prüfungen und schaffte mein Abitur. Alle waren sehr stolz auf mich, und ich war sehr erleichtert und auch ein bisschen stolz, dass ich es so gut geschafft hatte, nach so einem schweren Jahr mit so vielen Problemen. Ich feierte mit meinen Freunden und Familie, die mir alle gratulierten. Auch aus Deutschland kamen viele Glückwünsche. Es ist unglaublich, dass noch so viele Personen aus Deutschland an mich denken und sich für mich freuen. Der erste Schritt war geschafft.

Bei der ganzen Freude hatte ich fast vergessen, dass ich im Juli schon wieder Prüfungen hatte, diesmal um an der Uni aufgenommen zu werden, um Germanistik zu studieren. Drei Prüfungen sollte ich ablegen: Deutsch, schriftlich und mündlich, und Armenisch schriftlich. Zuerst war die schriftliche Deutschprüfung dran. Es lief sehr gut, ich bekam 19,4 von 20 Punkten. Danach Armenisch. War auch gut, 18 von 20 Punkten. Ich war schon sehr froh, jetzt hatte ich die Möglichkeit ein Stipendium zu bekommen. Es gibt für jeden Studiengang eine Anzahl Stipendiumsplätze. In meinem Fall 10 Stipendien bei mehr als 200 BewerberInnen für Germanistik. Ein Stipendium bedeutet hier, dass man keine Studiengebühren in Höhe von umgerechnet 500 Dollar pro Semester bezahlen muss. Das ist sehr viel Geld in Armenien. Die Plätze werden an die Bewerber mit den besten Prüfungsnoten vergeben.

Ich hatte also gute Chancen vor der mündlichen Deutsch-Prüfung, weil ich durch meine Zeit in Deutschland viel besser Deutsch spreche als die meisten. Doch ich wusste, dass die Lehrer so was nicht mögen. So kam es dann auch. Ich bekam ein relativ leichtes Thema (Meine Ferien) und redete die Prüfungszeit durch. Schon als ich den ersten Satz gelesen hatte, wussten die beiden Lehrer, dass ich aus Deutschland gekommen bin. Und dann habe ich alles sehr gut und lange erklärt. Und ich erwartete, 18 Punkte zu bekommen. Ich war sehr überrascht und schockiert, als die "13" gesagt haben.

Draußen habe ich noch anderen Bewerbern bei der Prüfung zusehen dürfen, die fast keinen ganzen Satz sagen konnten und bessere Noten bekamen als ich. Ich wurde noch trauriger, nicht weil ich es ihnen nicht gönnte. Einige waren meine Freundinnen, und ich freute mich natürlich für sie, aber ich fühlte mich ungerecht behandelt. Und viele haben mir auch gesagt, dass sie nicht verstehen können, dass ich nur 13 Punkte bekommen habe.

Am 25. August sollten dann die Listen aushängen, wer auf die Uni darf und wer sogar gebührenfrei studieren darf. Ich nahm Leif an dem Tag mit. Es dauerte etwas bis ich meinen Namen auf der Liste fand, aber ich hatte es geschafft auf die Uni aufgenommen zu werden. Ich freute mich sehr, aber gleich danach sah ich, dass mir nur zwei Punkte fehlten, um gebührenfrei aufgenommen zu werden.

Einige meiner Freundinnen haben es gebührenfrei geschafft und ich bin sehr froh für sie, aber alle haben mir gesagt, dass sie nicht verstehen wieso ich es nicht geschafft habe. Ich habe schon so viele Schulden überall und brauche Geld für so viele andere Dinge. Jetzt hatte ich eine Woche Zeit das Geld zu besorgen, sonst konnte ich mein Studium nicht beginnen. Zum Glück bot meine Tante an, mir das Geld erst mal zu borgen.

Jetzt ist schon die erste Uni-Woche vorbei. Bis jetzt macht es viel Spaß. Ich habe von Montag bis Samstag jeden Tag von mittags bis zum späten Nachmittag Unterricht. Das hat Vorteile und Nachteile. Positiv ist, dass ich nicht so sehr früh aufstehen muss und das ich mittags ein Bus bekommen kann, der mich zur Uni bringt. Morgens sind die immer voll und da müsste ich lange warten bis mich einer mitnimmt. Der Nachteil ist, dass der Tag schon fast vorbei ist, wenn ich nach Hause komme. Wenn ich dann Essen mache und danach meine Hausaufgaben, kann ich schon direkt wieder schlafen gehen. Und jetzt wo Leif noch hier ist, ist es besonders schade, weil ich sehr wenig mit ihm unternehmen kann und befürchte, dass er sich sehr langweilt. Er sagt mir aber, dass es kein Problem ist.

Ich habe viel Deutschunterricht, aber auch Armenisch und Russisch muss ich weiter lernen, und dazu haben wir sogar zweimal in der Woche Sport. Im Gegensatz zu vielen Studiengängen in Deutschland muss man immer zum Unterricht/Vorlesung da sein. Wenn man fünf oder sechs Stunden unentschuldigt fehlt, dann fliegt man raus. Bis jetzt scheinen meine Lehrer und auch meine Mitschüler alle sehr nett zu sein. Das einzige ungewöhnliche ist, dass ich schon sehr alt bin im Gegensatz zu denen. Die sind alle cirka 17 Jahre alt, und ich bin mit 21 schon die älteste. Im Winter habe ich die ersten Prüfungen. Wenn ich alles sehr gut mache und lerne, dann kann ich auch noch nachträglich ein Stipendium bekommen.

Jobben

Inzwischen habe ich auch eine Arbeit gefunden. Und zwar für eine deutsche Internetfirma. Noch habe ich nicht richtig angefangen, aber jetzt wo Leif hier ist, versucht er mir zu erklären was ich machen soll. Es sieht für mich sehr schwer aus, aber da er Informatik studiert, versteht er das ganz gut. Ich hoffe, dass ich Zeit finde um gut zu arbeiten, wenn er wieder abgereist ist und ich mit meinem Studium gut angefangen habe, denn Geld kann ich sehr gut gebrauchen.

Unterschiede

Es ist jetzt schon ein Jahr her, dass ich wieder nach Armenien zurückgekehrt bin und ich habe mich an vieles schon wieder gewöhnt. Das habe ich gemerkt als Leif hierhin kam und mich merkwürdige Sachen fragte. Ich hatte schon vergessen, dass man so was in Deutschland nicht kennt. Wenn ich ihn frage was ihn am meisten überrascht, dann sagt er: der Verkehr. Er hat vorher viel von Armenien gelesen und gesehen, aber trotzdem war er überrascht, wie gefahren wird. Niemand hält sich an Verkehrsregeln, wenn keine Polizei in der Nähe ist, und ab und zu wird trotzdem bei Rot gefahren, Fußgänger können sich trotz grüner Ampel nicht sicher über die Straße bewegen, und es gibt auch keine eindeutigen Fahrspuren. Es werden so viele Spuren aufgemacht wie grad Platz ist, und ein Überholen trotz Gegenverkehr wird einfach durch ein kurzes Hupen angemeldet und die Anderen müssen Platz machen. Und er sagt, der Zustand der Straßen und Gehwege sei eine Katastrophe. Er hat Recht, aber zum Glück wird viel repariert im Moment. Ich denke in ein par Jahren ist es wieder ganz gut.

Und er wundert sich immer wieder über die Treppen in den Häusern. Als wir am ersten Abend bei mir ankamen, hat er nichts gesagt darüber, weil er dachte, vielleicht ist es nur bei mir so. Aber inzwischen habe ich ihm erklärt und auch gezeigt, dass es überall in der Stadt in den Hochhäusern so aussieht. Die Treppenaufgänge werden nach dem Hausbau einfach so gelassen, wie sie sind. Roher Beton, offene Kabel und oftmals kein Licht, genau wie an vielen Straßen übrigens. Besonders im Sommer stinkt es auch in den unteren Bereichen, weil vor der Tür viel Müll liegt. Dass die Wohnungen nach den Treppen dann sehr gut aussehen, kann man sich nicht vorstellen. Aber so ist es. Um die Treppen kümmert sich einfach niemand. Keiner möchte Geld und Arbeit geben dafür, weil man es besser für andere Sachen braucht.

Sona Shirvanyan

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